Etymologie:


bu-yoh traditioneller, regelgeleiteter japanischer Tanz

bu-toh stampfender, freier Tanz


Historie:


Die zwanziger Jahre:
Baku Ishii, ursprünglich Ballettänzer, verließ das kaiserliche Theater und erarbeitete Solos; Gastspiel in Berlin, Kontakt mit westlichem Tanz und Expressionismus

Takaya Eguchi 1931 studiert mit Mary Wigman (bedeutendste Ausdruckstänzerin) in Dresden autonomen Tanz. Er gründet in Tokio Schule für Neuen Tanz: Kazuo Ohno und Tatsumi Hijikata, die eigentlichen Begründer des Butoh, sind dort Schüler

Der Zweite Weltkrieg unterbricht die neue Entwicklung im Tanz in Japan und Deutschland. Die Atombombe und die Niederlage des Krieges verletzen das japanische Selbstbewußtsein tief. Deshalb starke Orientierung am Westen, insbesondere den USA, und damit verbunden eine Ignoranz der eigenen Wurzeln

Geburt des Butoh:

Im Mai 1959 Aufführung der Tanzperformance Kinjiki von Tatsumi Hijikata, nach einem Roman von Yukio Mishima; es erregt als Skandalstück heftiges Aufsehen in der japanischen Gesellschaft.

Butoh stellt sich in Folge eine Reaktion und extreme Gegenbewegung zum modernen Japan dar: Der Körper, seine Geschichte und das Erleben des Tänzers werden in den Mittelpunkt gestellt.

Der weiße Körper, die Schattenseite des Menschseins, die Elemente, Geburt, Tod, und die Leerheit stehen thematisch im Zentrum der Stücke.

1959 bis 1968
Die Zeit des Ankoku Butoh (Tanz der Finsternis)

1968
Rebellion des Körpers (zweite Schlüsselperformance für den Butoh von Hijikata); danach Rückzug als aktiver Tänzer und Gründung einer Tanzkompanie mit Yoko Ashikawa.

70 er Jahre:
Aufspaltung in Einzelstile, viele Butohtänzer gehen nach Europa:
Ushio Amagatsu, Min Tanaka, Anzu Furukawa, Mitsutaka Ishi, Ko Murobushi und Carlotta Ikeda.

In Japan wird Butoh lange nicht akzeptiert, dafür in Europa und den USA.

1977
Admiring La Argentina von Kazuo Ohno (71 Jahre alt, in Zusammenarbeit mit Hijikata)>>>> Weißes Butoh
Internationaler Durchbruch: Butoh wird allgemein bekannt.

1985
Erstes Butoh- Tanzfestival in Japan

1986
Hijikata stirbt

1995
Ex..it Festival auf Schloß Bröllin, Die Epigonen aus Europa treffen sich und spalten sich in Puristen und Freidenker. Heute sind ButohtänzerInnen in Europa, in den USA und in Japan; Butoh existiert inzwischen als eigenständige Kunstform, als Methode, die gleichzeitig Körper und Psyche schult, sowie als Körpertherapie.

Literatur:

Butoh, Die Rebellion des Körpers, Ein Tanz aus Japan,
Michael Haerdter und Sumie Kawai,
Alexander Verlag Berlin 1986

Die Enstehung des Butoh, Lucia Schwellinger,
iudicium Verlag GmbH München, 1998


BUTOH ist ein Tanz aus Japan, der dort in den 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts entstand. Japan hatte nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur den Schock der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zu überwinden, sondern erlag auch wirtschaftlich und kulturell westlichem Einfluss. In Folge entstand ein kultureller Identitätsverlust des Inselvolkes, das sich dank seiner intensiven Pflege tradierter Werte für unbesiegbar gehalten hatte.

Mit zunehmender Verwestlichung wächst auch der Widerstand gegen die Entfremdung. Im Zentrum der Megapolis Tokio treffen sich Künstler aller Sparten auf der Suche nach einer neuen Identität, die jedoch die eigenen kulturellen Wurzeln nicht ausschließt. Butoh- ursprünglich Ankoku Butoh gennannt, was Tanz der Dunkelheit oder Finsternis bedeutet -entsteht im subkulturellen Klima der Großstadt. Der Tanz wendet sich einerseits gegen den westlichen "modern dance" und andererseits gegen die erstarrten Formen des "Nihon Buyo", den japanischen, traditionellen Bühnentanz. Durch Rückgriff auf archaische Ausdrucksmittel wie Nacktheit. Körperbemalung, Grimassierung, Meditation und Trance sowie durch die Verwendung einer Fülle von Attributen und Requisiten aus der Folklore und dem Alltag, entwickelt sich experimentell eine eigenständige Tanzform.

Die Urprünge des Daseins werden ergründet, Erinnerungen und Unbewusstes gehören zu Butoh ebenso wie das Leben und der Tod. Charakteristisch für Butoh sind u.a. die Entindividualisierung des Körpers, die Expressivität der Gesten und Posen, die extreme Langsamkeit der Bewegungen, der Verzicht auf ein logisches Handlungsgerüst sowie die Entwicklung einer Metaphorik des Unbewussten. Butoh ist eine einzigartige Sprache, in der auf die Stille gehört, auf die Leere geschaut wird.

Ein Teil der Geschichte des Butoh ist mit dem deutschen expressionistischen Tanz verbunden, bei dessen wichtigsten Repräsentanten Rudolf von Laban und Mary Wigman schon in den Zehner und Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts japanische Tänzerinnen und Tänzer in die Lehre gegangen sind. Bei ihrer Rückkehr nach Japan haben sie in eigenen Tanzstudios Theorie und Praxis des Ausdruckstanzes gelehrt. Dort nahmen die Gründer des Butoh, Kazuo Ohno(1906) und Tatsumi Hijikata(1928- 1986), ihren ersten Tanzunterricht. Hijikata markiert 1959 mit der performanceartigen Vorstellung „Kinjiki“ (verbotene Farbe) nach einem Roman von Yukio Mishima den Anfang des Butoh. In den 70er Jahren hörte Hijikata auf, selbst zu tanzen und begann für andere Tänzer zu choreografieren und zu inszenieren. Mit seiner wichtigsten Tänzerin Yoko Ashikawa hat er einige der markantesten Stilmerkmale des Butoh erarbeitet,. Beispielsweise das meditative Gehen mit gebeugten Knien (Slow Walk), endlos fließende, organische Bewegungsabläufe, shirome- die hochgedrehten weißen Augen, ekstatische Gefühlsausbrüche. Hijikata wird als der Architekt des Butoh betrachtet, Ohno hingegen als die Seele. Der ehemalige Sportlehrer ist jahrelang mit Hijikata zusammen aufgetreten, sein eigentlich spektakuläres coming out erlebt der 71jährige allerdings mit einem Solo „Hommage a La Argentina“, worin Ohno seine Begegnung mit der berühmtem spanischen Tänzerin verkörpert.

Literatur:

Butoh, Die Rebellion des Körpers, Ein Tanz aus Japan,
Michael Haerdter und Sumie Kawai,
Alexander Verlag Berlin 1986

Die Enstehung des Butoh, Lucia Schwellinger,
iudicium Verlag GmbH München, 1998

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